Warum ich mit Wachs arbeite?

Wachs ist für mich das Material, um Geschichten über das Mensch-Sein zu erzählen. Dabei geht es
mir nicht um konkrete Menschen, in konkreten Räumen, sondern um das, was mit den Menschen
passiert - ich nenne es das In-Beziehung-Treten.

Meine Figuren treten untereinander in Beziehung, aber auch zu sich selbst. Gleichzeitig nehmen sie
Blickkontakt mit den Betrachtern auf - auch diese sind gemeint. Die Begegnung mit den mehrdeutig
angelegten Figuren kann wiederum eine Begegnung mit sich selbst bedeuten.

Wachs vereint die Vielschichtigkeit des Lebens in sich: es ist zugleich transparent und dicht, veränderlich
und beständig und daher in ganz besonderer Weise geeignet, die vielfältigen Aspekte des menschlichen
Seins darzustellen. Und auch das, was sich nicht aussprechen lässt.

In jedem Bild versuche ich ein "Es ist so, aber auch anders". Das Dazwischen interessiert mich. Ich lote
Gegensätzliches aus; wo das Bild auf den ersten Blick klar und überschaubar erscheint, eröffnen sich
beim genaueren Hinsehen versteckte Mehrdeutigkeiten, Fragen, Abgründiges.

Wenn ich mit Wachs arbeite, bringe ich mit Pigmenten eingefärbtes warmes Wachs auf Holzplatten auf.
Während des Arbeitsprozesses entstehen oft mehrere übereinanderliegende Schichten, die ich durch
Kratzen, Schaben und Ritzen teilweise wieder freilege, sodass Darunterliegendes sichtbar wird. Zusätzlich
zum warmen Wachs habe ich eine Kaltwachstempera entwickelt, die mir andere Möglichkeiten der
Handhabung und Aussage des Wachses eröffnet. Es ist ein langsamer Entstehungsprozess, der einen
"
Malgrund mit Geschichte" hervorbringt, analog zu menschlichen Seelenschichten.

So ist Wachs für mich viel mehr als ein Material - es transportiert Inhalte.


MALBRECHT