Mensch

Marlis Albrecht hat mit vielen künstlerischen Ausdrucksformen und Materialien experimentiert, bis sie 1994 das Bienenwachs entdeckte und mit ihm die figürliche Malerei. Ab diesem Zeitpunkt arbeitet sie beständig und fast ausschließlich mit diesem Naturstoff. Die Konzentration auf den flexiblen Werkstoff Wachs hat bei der Künstlerin eine hoch entwickelte, eigenständige Warm- und Kaltwachs-Mischtechnik hervorgebracht, die ohne unmittelbares Vorbild ist und unter zeitgenössischen Künstlern keine Parallelen findet. In Deutschland ist im Zusammenhang mit Wachstechniken in der Malerei einzig der Künstler Martin Assig (Berlin), international Jasper Johns zu nennen; beide arbeiten jedoch auch oder überwiegend mit anderen Techniken.

Das aus der Erfahrung gewachsene technische Know-how setzt die Künstlerin in den Stand, die Wachstechnik sowohl für die Darstellung präziser Details wie auch des Verschwommenen, Unkonkreten und Imaginären ideal einzusetzen. Geschmolzenes, mit Pigmenten gefärbtes Bienenwachs gießt, pinselt und spachtelt sie in Schichten auf den Malgrund Holz oder Leinwand auf. Zu kurz greift der Begriff Enkaustik: Marlis Albrecht hat mit dem Material Wachs einen Pakt geschlossen, um eine eigene Welt zu erschaffen. So entstehen auf der wächsernen Malfläche – durch Abkratzen, Abschaben und Einritzen, durch das Einbringen von Kaltwachstempera und wieder warmem Wachs, durch Übereinanderlegen und wieder Abtragen einzelner Schichten – komplexe Bildwerke mit teils reliefartiger Oberfläche. Die Verformbarkeit des Werkstoffs erlaubt glatte und raue Oberflächen, pastosen Auftrag, Ausflüge aus der Zweidimensionalität des Tafelbildes in die dritte Dimension. Die Technik ermöglicht auch eine besondere Art der Farbigkeit, da die Dichte des Pigments im flüssigen Wachs die Farbintensität steuert. Typisch sind Gesichter und Haut aus schimmernden Wachsschichten, die Tiefe und Dreidimensionalität besitzen. Der Wechsel zwischen großflächigen Partien und detaillierter Ornamentik in der Kleidung der Figuren wird gelegentlich durch das Collagieren mit Stoffen, Papieren oder anderen Materialien unterstützt. Doch das wichtigste Material ist immer das Wachs, das für Marlis Albrecht die Vielschichtigkeit des Lebens in sich vereint und in ganz besonderer Weise dazu geeignet ist, vielfältige Aspekte des Seins darzustellen. Denn Wachs ist für sie viel mehr als ein Material – es transportiert Inhalte.

Dr. Gisela Hack-Molitor

aus: Marlis Albrecht, Menschen Wachsen – people grow in wax – de la cire et de gents,

Horb am Neckar: Verlag Andreas Hackenberg, 2. Auflage 2013

ISNB 978-3-937280-29-5

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Wald

Zur motivischen Konzentration auf den Wald, welche erst in den letzten Jahren erfolgt ist, äußert sich die Malerin folgendermaßen: „Es hat lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, jetzt kannst du auch den Wald malen. Er ist für mich der erinnerte Wald meiner Kindheit in Poppenweiler (Ludwigsburg), ein Märchenwald und ein Kraftort zugleich.“

In der Aussage von Marlis Albrecht, ihr Verhältnis zum Wald betreffend, wird von Anfang an eine Ebene heraufbeschworen, die den Menschen mit seinen seelischen Grundbedürfnissen in diese Landschaft thematisch integriert.

Der Wald, in der Kunst spätestens seit der Romantik als Archetyp des Landschaftlichen etabliert, kann als Chiffre des Wachstums und des Vergänglichen, als Schutz- oder aber Gefahrenraum vor allem die Lebensthemen assoziativ wie metaphorisch ins Bild setzen, deren Gültigkeit keine zeitliche Begrenzung kennt.

Marlis Albrechts Wachsgemälde rufen kontemplative oder aber vital vibrierende Landschaften auf, sorgen allesamt für ein meditatives Empfinden beim Betrachter. In der Darstellung werden neoexpressive und neoimpressionistische Impulse spürbar. So lassen einige der Waldgemälde visuelle Reverenzen an die Lichtstimmungsbilder eines Lovis Corinth zu. Bei anderen ergeben sich Assoziationen zu den frühen, vom Tachismus geprägten Werken eines Günther C. Kirchberger. Als zeitgenössische Stimmungsbilder, in denen manchmal etwas Irritierendes steckt, finden manche dieser Arbeiten ihr Pendant im Werk eines Henning von Gierke.

Ähnlich wie bei den Romantikern und Neoromantikern ist die Topografie immer mit Seelenlandschaft überblendet. Waldlichtungen oder aber Dickicht nehmen den Betrachter mit in die Tiefen des geheimnisvollen, vom Mondlicht beschienenen menschenleeren Raumes. Hier kämpft sich eine blasse Sonne durch die Nebelschwaden, dort verstellt flammendes Herbstlaub oder aber nebelverhangenes Gelände die Sicht in die Tiefe und verdeckt den Horizont. Ein andermal sorgt eine auf die Wahrnehmbarkeit des menschlichen Betrachter-Auges begrenzte Bildhöhe für eine fragmentierte Darstellung von Baum und Wald.

Im Spiel mit Nähe und Ferne kommen Marlis Albrecht die konturenauflösenden Qualitäten des Wachses zugute. Sie experimentiert mit Kalt- und Warmwachs, setzt auf das Verfließen oder aber sich Sammeln der Farbpigmente im Schmelzprozess – zarte Striche, pointillistisch gestaltete Flächen fügen sich mal farbmalerisch, mal figurativ, mal abstrahierend zu Stimmungslandschaften, bei denen die Künstlerin mit den Sehnsuchtsvorstellungen einer reinen Ursprünglichkeit jongliert, die wir so niemals in der Waldwirklichkeit vorfinden würden.

Marlis Albrechts Virtuosität ist in einem Endprodukt fassbar, das aufgrund seiner Materialbeschaffenheit niemals von einer im Vorab festgelegten Komposition geleitet wurde: „Die ursprüngliche Kompositionsidee folgt während des Arbeitsprozesses einer eigenen Dynamik. Das Bild setzt sich Schicht für Schicht fort, die entstehende Arbeit gebietet mir immer wieder von sich aus Neues, bis ich oben angekommen bin und das Gemälde sich schließlich selbst genügt.“

Über eine vom transluziden Wachs heraufbeschworene Lichtstimmung verströmen die Gemälde der Marlis Albrecht einen Hauch von Transzendenz und körperlicher Leichtigkeit, spiegeln – mit den Worten der Künstlerin – „eine Sehnsucht nach der Sehnsucht, worunter ich eine starke lebensgestaltende Kraft verstehe“. Die Idee von der Zeichenhaftigkeit des Waldes, die über dem Stimmungsbild zu stehen hat und die Marlis Albrecht von ihren Werken einfordert, verleiht ihrer Positionsbetrachtung des Waldmotivs das Zeitgemäße.

Dr. Irmgard Sedler

aus: Atmos, Marlis Albrecht,

erschienen im Wasmuth-Verlag, Tübingen, 2016

ISBN 978-3-8030-3386-4