Marlis Albrecht

ATMOS, Wasmuth-Verlag Tübingen, 2016

herausgegeben von Dr. Irmgard Sedler, Museum im Kleihues-Bau, Kornwestheim

 

Zur motivischen Konzentration auf den Wald, welche erst in den letzten Jahren erfolgt ist, äußert sich die Malerin folgendermaßen: „Es hat lange gedauert, bis ich das Gefühl hatte, jetzt kannst du auch den Wald malen. Er ist für mich der erinnerte Wald meiner Kindheit in Poppenweiler (Ludwigsburg), ein Märchenwald und ein Kraftort zugleich.“

In der Aussage von Marlis Albrecht, ihr Verhältnis zum Wald betreffend, wird von Anfang an eine Ebene heraufbeschworen, die den Menschen mit seinen seelischen Grundbedürfnissen in diese Landschaft thematisch integriert.

Der Wald, in der Kunst spätestens seit der Romantik als Archetyp des Landschaftlichen etabliert, kann als Chiffre des Wachstums und des Vergänglichen, als Schutz- oder aber Gefahrenraum vor allem die Lebensthemen assoziativ wie metaphorisch ins Bild setzen, deren Gültigkeit keine zeitliche Begrenzung kennt.

Marlis Albrechts Wachsgemälde rufen kontemplative oder aber vital vibrierende Landschaften auf, sorgen allesamt für ein meditatives Empfinden beim Betrachter. In der Darstellung werden neoexpressive und neoimpressionistische Impulse spürbar. So lassen einige der Waldgemälde visuelle Reverenzen an die Lichtstimmungsbilder eines Lovis Corinth zu. Bei anderen ergeben sich Assoziationen zu den frühen, vom Tachismus geprägten Werken eines Günther C. Kirchberger. Als zeitgenössische Stimmungsbilder, in denen manchmal etwas Irritierendes steckt, finden manche dieser Arbeiten ihr Pendant im Werk eines Henning von Gierke.

Ähnlich wie bei den Romantikern und Neoromantikern ist die Topografie immer mit Seelenlandschaft überblendet. Waldlichtungen oder aber Dickicht nehmen den Betrachter mit in die Tiefen des geheimnisvollen, vom Mondlicht beschienenen menschenleeren Raumes. Hier kämpft sich eine blasse Sonne durch die Nebelschwaden, dort verstellt flammendes Herbstlaub oder aber nebelverhangenes Gelände die Sicht in die Tiefe und verdeckt den Horizont. Ein andermal sorgt eine auf die Wahrnehmbarkeit des menschlichen Betrachter-Auges begrenzte Bildhöhe für eine fragmentierte Darstellung von Baum und Wald.

Im Spiel mit Nähe und Ferne kommen Marlis Albrecht die konturenauflösenden Qualitäten des Wachses zugute. Sie experimentiert mit Kalt- und Warmwachs, setzt auf das Verfließen oder aber sich Sammeln der Farbpigmente im Schmelzprozess – zarte Striche, pointillistisch gestaltete Flächen fügen sich mal farbmalerisch, mal figurativ, mal abstrahierend zu Stimmungslandschaften, bei denen die Künstlerin mit den Sehnsuchtsvorstellungen einer reinen Ursprünglichkeit jongliert, die wir so niemals in der Waldwirklichkeit vorfinden würden.

Marlis Albrechts Virtuosität ist in einem Endprodukt fassbar, das aufgrund seiner Materialbeschaffenheit niemals von einer im Vorab festgelegten Komposition geleitet wurde: „Die ursprüngliche Kompositionsidee folgt während des Arbeitsprozesses einer eigenen Dynamik. Das Bild setzt sich Schicht für Schicht fort, die entstehende Arbeit gebietet mir immer wieder von sich aus Neues, bis ich oben angekommen bin und das Gemälde sich schließlich selbst genügt.“

Über eine vom transluziden Wachs heraufbeschworene Lichtstimmung verströmen die Gemälde der Marlis Albrecht einen Hauch von Transzendenz und körperlicher Leichtigkeit, spiegeln – mit den Worten der Künstlerin – „eine Sehnsucht nach der Sehnsucht, worunter ich eine starke lebensgestaltende Kraft verstehe“. Die Idee von der Zeichenhaftigkeit des Waldes, die über dem Stimmungsbild zu stehen hat und die Marlis Albrecht von ihren Werken einfordert, verleiht ihrer Positionsbetrachtung des Waldmotivs das Zeitgemäße.

Dr. Irmgard Sedler