Die Februar-Wochen habe ich damit verbracht, zwei Ausstellungen zu organisieren. Ich sage bewusst „organisieren“, weil meine Arbeit leider nicht nur die intensive Konzentration auf die Malerei selbst bedeutet, sondern weil ein Rattenschwanz anderer Tätigkeiten daran hängt. Zum Beispiel die Frage, ob ich genügend Bilder habe und ob alle für Druck und Archivierung gut fotografiert sind. Die Titel müssen vergeben werden, Preise festgelegt, Lieferscheine ausgestellt … Die Galerien müssen mit Material für ihre Arbeit im Vorfeld versorgt werden. Wenn dann die Ausstellungen stehen und laufen, bin ich regelmäßig froh, mich wieder ganz der Malerei zuwenden zu können, bis die nächste Ausstellung ansteht.

 

Da meine Bilder reifen müssen wie guter Wein oder tiefe Freundschaften, ist es mir wichtig, dass sie mindestens drei Wochen, nachdem ich sie für mich selbst als fertig erklärt habe, noch bei mir im Atelier sind. Wenn ich in dieser Zeit nicht noch mal Hand anlegen muss, weiß ich, dass ich sie in die Welt entlassen kann. Manche von denen, die zu früh das Atelier verlassen, kommen von Ausstellungen wieder zurück. Sie wurden nicht gekauft, weil die Betrachter ein verblüffend sicheres Gespür dafür haben, wie intensiv der Malprozess war, der dem Bild am Ende die Kraft gibt. Es ist also keineswegs so, dass meine Bilder gekauft werden, weil sie vielleicht gut gemalt sind. Sie finden ihre Liebhaber, wenn sie mit Energie und Hingabe gemalt sind und mit der Bereitschaft, den Weg des Malprozesses so weit zu gehen, bis er eben zu Ende ist, egal wie lange er dauert. Das ist meine Erfahrung.

 

Die Aufladung mit Kraft und Energie geschieht, während das Werk entsteht. Im Grunde ist der gesamte Malprozess ein einziges Suchen. Da ist zunächst die Suche nach dem Bild selbst, aber immer häufiger auch die Frage nach dem roten Faden in meiner Malerei. Es ist mir im Laufe der langen Jahre ein Bedürfnis geworden zu verstehen, aus welcher Quelle ich schöpfe, was mich antreibt. Ich hegte eine Zeit lang die Hoffnung, formal auf „Bewährtes“ zurückgreifen zu können. Hatte mir sogar Notizen gemacht, etwa wie ich eine besondere Wirkung erzielt oder welche Pigmente ich wie eingesetzt habe. Was folgte, war ernüchternd: Die Erfahrungen ließen sich nicht beliebig auf weitere Bilder übertragen. Zwischenzeitlich bin ich mehr als froh darüber, wieder und wieder zu registrieren, dass jedes Bild ganz neu erfunden werden möchte. Es gibt da so einen Moment, an dem ein Bild fertig sein könnte, weil alles stimmig gemalt ist. Aber dann fehlt ihm eben doch diese Kraft, auf die ich nicht verzichten kann. Diese innere Kraft oder energetische Aufladung entsteht immer dann, wenn sich die Malerei frei entwickeln kann, ohne von meinem Kopf beschränkt zu werden. Das sind manchmal nur kurze Momente, an denen ich bereit bin, die Kontrolle abzugeben, es malen zu lassen; Momente, die über den Fortgang der Arbeit entscheiden und sie zu Ende bringen können.

 

Und hier kommt Schiller ins Spiel. So, wie ich das Wachs vor 25 Jahren gesucht und gefunden habe, habe ich nun Schillers Schriften zur Ästhetik gefunden, fast zwangsläufig. Ich muss sagen, ich war ganz schön aufgeregt beim Studium der Schriften „Kallias oder über die Schönheit“ und „Über Anmut und Würde“. Ein Gedankengebäude, das mich mit großer Wucht getroffen hat. Es geht um nicht weniger als um die Freiheit. Und was Freiheit und Schönheit miteinander zu tun haben, beginne ich ganz allmählich zu verstehen. Schiller arbeitet heraus, dass es in der Tat subjektiv ist, was als schön empfunden wird (Kant), dass aber die Erfahrung der Schönheit an sich objektiv ist und ein Gefühl von Freiheit erzeugt. „Der Grund der Schönheit ist überall Freiheit in der Erscheinung“, lautet der zentrale Satz in Schillers Ästhetik. Schön ist also, was sich zu einem gewissen Grad aus sich selbst heraus frei entwickeln kann. „An jeder großen Komposition ist es nötig, daß sich das Einzelne einschränke, um das Ganze zum Effekt kommen zu lassen. Ist diese Einschränkung des Einzelnen zugleich eine Wirkung seiner Freiheit, d.i. setzt es sich diese Grenze selbst, so ist die Komposition schön. Schönheit ist durch sich selbst gebändigte Kraft; Beschränkung aus Kraft.“ Ich finde alleine diese Passage unglaublich genial. Sie geht weit über die Suche nach dem Schönheitsbegriff hinaus, sie ist eine höchst moralische und eine höchst zeitgemäße Aussage! Weiter heißt es: „Wo bliebe aber nun die Harmonie des Ganzen, wenn jedes nur für sich selbst sorgt? Daraus eben geht sie hervor, daß jedes aus innerer Freiheit sich gerade die Einschränkung vorschreibt, die das andere braucht um seine Freiheit zu äußern.“ (Zitate aus: Friedrich Schiller, Über Anmut und Würde / Kallias oder über die Schönheit, entstanden 1793, vollständige Neuausgabe, hg. von Karl-Maria Guth, Berlin 2016, S. 81.) Kurz und gut, diese Erfahrung mache ich täglich in der Malerei. Wie oft muss ich die schönsten Stellen verwerfen, nachdem ich sie viel zu lange zu erhalten versucht habe. In dem Moment, in dem ich bereit bin, es malen zu lassen, zumalen zu lassen, was ich eigentlich sehen möchte, entsteht ganz Neues mit einer eigenen Kraft.

 

Malen bedeutet für mich also immer wieder, mein eigenes gestaltendes Wollen den Freiheitsbestrebungen des Materials unterzuordnen. Ich weiß, das klingt einigermaßen seltsam, aber ich weiß auch nur zu gut, wovon ich rede. Beglückend ist das Erlebnis, wenn das Bild genauso zu seinem Recht gekommen ist wie ich. Wenn es sich frei entwickeln und ich diesen Prozess gestalten konnte. Und das wirklich Betörende ist, dass die Menschen sehr genau die Kraft registrieren, die das Bild im Innersten zusammenhält. Das ist ihnen aber nicht bewusst, weil sie es schon in der Schule verlernt haben, abtrainiert bekamen, sich auf sich selbst, auf die eigene Urteilskraft zu verlassen. Stattdessen sagen sie: „Also ich verstehe ja nichts von Malerei, aber …“ So gesehen verstehe ich auch nichts von Malerei, versteht niemand was davon. Es gibt da auch nichts zu verstehen, es gibt nur zu erspüren. Man sagt ja schließlich auch nicht: „Ich verstehe ja nichts von Liebe, aber ich liebe dich.“ Braucht man Kunstverständnis für die Malerei? Geht es darum, sie zu verstehen, oder vielmehr darum, sie zu erfühlen? Oder wollen wir sie einfach nur kategorisieren, verschubladen, vermarkten?

 

Sicher muss man hier bedenken, in welchem Zusammenhang das Bild angesehen wird. Ein Kunstkritiker, der ein Werk kunstgeschichtlich einordnen möchte, wird es anders betrachten müssen als jemand, der einfach nur schauen und fühlen möchte. Beides hat aber die gleiche Berechtigung. Wir sollten die intellektuelle Herangehensweise nicht über die emotionale stellen, sondern die beiden unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen nebeneinander gelten lassen.

 

Seit 25 Jahren male ich Gesichter, wieder und wieder Gesichter. Und erst jetzt begreife ich langsam, dass es mir immer um die Darstellung des „Schönen“ als eine geheimnisvolle Qualität ging. Wohlgemerkt, hier sind nicht schöne Frauen gemeint, sondern das, was sie uns, jenseits der Körperformen, schön erscheinen lässt. „Schönheit“, wie ich sie verstehe, meint in diesem Zusammenhang das Sichtbarwerden von Weichheit und Verletzlichkeit, zugleich aber auch von innerer Stärke. Diese beiden Kräfte in einem ausgewogenen Zustand zu halten, der die Dargestellten weder entblößt noch abschottet, sondern geheimnisvolle innere Vorgänge erahnen lässt, reizt mich immer wieder aufs Neue.

 

Der Begriff des Schönen ist in der Tat faszinierend für mich, berührt er doch Bereiche, die unerforscht sind wie die Tiefe des Ozeans. Zu kurz greifen wissenschaftliche Erklärungsversuche, nach denen wir als schön Dinge empfinden, die eine Symmetrie aufweisen. Schiller bringt Begriffe wie „eine schöne Seele“, „eine schöne Handlung“, „Anmut und Würde“ ins Spiel. Er fragt sich zum Beispiel, ob sich ein unschöner Körper anmutig bewegen kann … Natürlich gibt es Kritiker seiner „Schönheitslehre“, wie sollte es auch anders sein. Ich werde mich auf jeden Fall weiter damit befassen, ich bleibe dran an Schiller. Und falls ich neue Erkenntnisse gewinne, teile ich sie gerne mit Ihnen.