Das Jahr nimmt Fahrt auf und mit ihm auch ich im Atelier. Am 2. Januar habe ich den Wachsherd nach dem Festmarathon wieder angeworfen. Ich hatte am 20.12. ein angefangenes Bild zurück gelassen, das ich nun auf die Staffelei stellte um länger davor zu sitzen und auf den Impuls zu warten. Das ist eine geheimnisvolle Angelegenheit, die sich mir,  auch nach langjähriger malerischer Erfahrung, nicht erschließt. Etwas in mir gibt dann vor was zu tun ist. Tagelang hatte ich alles immer wieder umgebaut, die Hintergrundflächen, die Physiognomie, viel Wachs aufgebracht und zu großen Teilen wieder abgenommen, den Spuren folgend, die dadurch entstehen. Eben dieses Vorgehen bewirkt eine Verdichtung, die nur im Austausch von Hinzufügen und Wegnehmen entstehen kann. Das wurde mir bewusst, als ich mich selbst fragte, welchen Sinn die abgeschabten Wachsberge haben und ob es nicht einen einfacheren Weg ans Ziel gäbe. Und so bohre, schabe und kratze ich mich immer tiefer ins Wachs und seine Möglichkeiten, weil ich Wege finden möchte auf denen ich Neuland betreten kann. Damit meine ich keineswegs Neuland in der Malerei an sich, sondern mein ganz persönliches.

Es geht um Malerei. In den Jahren des Suchens nach Ausdruck war meine einzige Instanz, um zu erfahren was ein Bild im Inneren zusammenhält, das Bild selbst. Das Vertrackte ist, dass es zwar Regeln gibt und das Studium der Farb- und Formlehren, hauptsächlich von Itten und Goethe, wichtig für mich war, aber letztlich jedes Bild seine eigenen Gesetze hat. Was ich nicht alles verwerfen musste, das sich in früheren Bildern als richtig und gut erwiesen hatte. Das ist das eigentlich Faszinierende an der Malerei, dass immer neue Lösungen her müssen, damit das Bild Kraft hat. Durch ständiges Experimentieren, Erspüren und Beobachten mehren sich Erkenntnisse. Das Ergebnis ist eine Malerei ohne den Anspruch eine für den öffentlichen Kunstdiskurs wichtige Aussage machen zu wollen. Das machen Künstler, die ihre Sprache dafür finden, weil sie es wollen. Ich aber möchte einfach malen, was ich sehen möchte, auch als politischer, am Weltgeschehen interessierter Mensch. Für mich ganz persönlich ist die Malerei nicht das geeignete Mittel die Probleme unserer Zeit zu thematisieren.  Ich habe mich in der Malerei dem Materiellen verschrieben, das geistig durchdrungen sein möchte, will es nicht nur Zufallsprodukt sein. Die Prozesse und Absichten meiner Malerei zu erklären ist ein schwieriges Unterfangen, weil ich oft selbst nicht weiß, was mich lenkt in meiner Arbeit. Wissen wir eigentlich, warum Blumen unterschiedlich duften, warum wir uns noch Kerzen anzünden, obwohl wir Strom haben? Noch immer starren wir in offenes Feuer, wie zu Urzeiten… Die Wissenschaft hat uns erstaunliche Erkenntnisse zur Verfügung gestellt aber kann man Kunst verwissenschaftlichen?

Auf die fantastischen Maler der Vergangenheit blicke ich neidvoll. Sie waren sicher nicht selten politische Menschen, die unter den Gegebenheiten der jeweiligen Zeit litten, konnten sich aber auf die reine Malerei konzentrieren, ohne sich erklären zu müssen. Die Bilder durften einfach nur Bilder sein. 

Für mein Gefühl wird zu viel zerredet und erklärt. Ich für mich selbst würde meine Malerei vermutlich gar nicht reflektieren, ich kann ihr vertrauen. Aber wenn man sich dem Kunstmarkt „zur Verfügung stellt“ und sich nicht zu seiner Arbeit äußert,  wird das wohl so verstanden, als gäbe es keinen Hintergrund dazu. Dieser Blog ersetzt mir nun auf gewisse Weise meine lose Blattsammlung, besser gesagt eine bergeweise Zettelwirtschaft im Atelier, durch die ich mich seit vielen Jahren an meine eigenen Absichten intellektuell herantaste. Menschen, die nicht künstlerisch arbeiten, gehen meist davon aus, dass der Künstler/die Künstlerin eine Botschaft vermitteln möchte. Die berühmte Frage „was wollen sie damit ausdrücken“ ist eine irgendwie ermüdende, wenn auch verständliche in einer Zeit, in der es sich die Menschen nicht mehr zutrauen, ihren Sinnen zu vertrauen. 

Das ist auch zugegebenermaßen schwierig geworden.  Aber Malerei! Malerei muss sich doch selbst vermitteln und Betrachtende müssen etwas spüren, im besten Falle gefesselt sein, wenn sie vor einem Bild stehen.

Was aber kann 2018 noch fesseln? Der ewige Hunger nach Neuem hat alle Tabus hinter sich gelassen. Das Lieblingswort der Kunstrezension, scheint mir, ist „verstörend“. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören, dieses Wort. Um es deutlich zu sagen, mir geht es hier nicht darum Künstler zu verunglimpfen oder unverständlicher Kunst die Glaubwürdigkeit abzusprechen. Andere Menschen mögen hier Einsichten haben, die sich mir verweigern. Mir geht es bei meinen Überlegungen darum, für mich selbst Antworten darauf zu finden, wie es zu der, ich zitiere: „infernalischen Wut, mit der man heute das Hässliche will“ kam. Klaus Fußmann hat es in seinem Buch „Wahn der Malerei“ so formuliert und ich bin hier ganz bei ihm. Überhaupt sind seine Schriften für mich eine Art Bibel für eine Malerspezies, die noch am Handwerk, am Materiellen hängt. Was er in seinen Schriften formuliert, setzt sich in seiner Arbeit fort. Er malt Blumen als müssten sie die Weltformel repräsentieren.

Noch einmal möchte ich Klaus Fußmann zitieren: „ Der Terminus Kunst ist ungenau geworden. Meist denkt man heute, dass es etwas Abstoßendes sein muss oder etwas schwer Verständliches. Die Kunst hat keine Form mehr. Statt dessen hat der Mythos uns wieder erfasst und das ganze Gerede von Form und Farbe hinweggefegt und mit so leichter Hand zum Verstummen gebracht, als ob es die ganze Moderne nie gegeben hätte.“

Wir haben eine Geschwindigkeit parallel zur Natur eingeführt mit unseren Maschinen, unseren Autos unseren Fliegern, dem Binärcode, der die Welt vernetzt und nun hecheln wir all dem hinterher. Ich selbst habe das Gefühl, dass meine Seele nicht mitkommt, sie ist einfach langsamer.

Ich denke ich mache hier für heute Schluss. Auf meiner Suche nach meiner malerischen Verortung bin ich auf die Schriften Friedrich Schillers zur Ästhetik gestoßen. Wieder eine Bibel: „Kallias oder über die Schönheit“ und „Über Anmut und Würde“, Fragmente aus dem Briefwechsel zwischen Schiller und Körner.

Darüber aber ein andermal.

Das Auge übrigens gehört zu der Frau, die ich vor und nach Weihnachten malerisch gesucht habe. Das andere Foto zeigt einen kleinen Teil der abgeschabten Wachsschichten. Diese „Wachsreste“ sind wertvoll für mich und werden auf unterschiedlichste Art und Weise in weitere Bilder eingebracht.

Ach und zum Binärcode. Viele wissen das sicher, aber ich bin immer wieder geplättet davon, dass ihn Gottfried Wilhelm Leibniz schon formuliert hatte.

So viel von mir für heute, für alle, die es interessiert.