Heute habe ich mich endlich hingesetzt, um einen neuen Blogeintrag zu schreiben. Eigentlich wollte ich das regelmäßig tun. Aber es fällt mir immer schwerer, in Worte zu fassen, was mich umtreibt, womit ich mich beschäftige. Die Komplexität der Welt löst fast eine Art Sprachlosigkeit in mir aus. Aber keine Sorge, es klingt schlimmer, als es ist. Doch in der Tat stelle ich mir die Frage, was ich dem im Netz Abrufbaren noch hinzufügen sollte, was von Interesse für andere Menschen sein könnte. Alle sind informiert und vielleicht auch übersatt von Bildern und Worten.

Die Coronakrise zeigt die längst schwelenden, teilweise auch brennenden Probleme unserer Zeit überdeutlich. Es werden weltweit zukunftsweisende politische Entscheidungen getroffen werden müssen, wenn unsere Lebensgrundlagen, aber auch unsere Freiheit erhalten und die dahin gehenden Bestrebungen in anderen Teilen der Welt unterstützt werden sollen. Aber auch wir selbst werden die Entscheidung treffen müssen, in welcher Welt wir leben wollen. Wir werden vielleicht manche Dinge aufgeben müssen, von denen wir meinten, dass sie zu unserem Leben gehören. Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau äußerte, dass keine Unterdrückung größer sei als die, die den Anschein der Freiheit wahre. In diesem Sinne lasst uns wachsam sein.

Aber ich wollte euch eigentlich heute von dem wunderbaren Büchlein „Kleine Philosophie der Vögel. 22 federleichte Lektionen für uns Menschen“ erzählen (Verlagsgruppe Droemer Knaur, München 2019 https://www.droemer-knaur.de/buch/philippe-j-dubois-elise-rousseau-kleine-philosophie-der-voegel-9783426277935). Die Autoren Philippe J. Dubois und Élise Rousseau arbeiten heraus, welche Erkenntnisse wir Menschen aus den Verhaltensweisen der Vögel ziehen können. Dabei wird unter anderem festgestellt, „dass wir wie die Vögel unseren Teil zur Schönheit der Welt beitragen können“. (Seite 73) Ihr wisst, Schönheit ist eines meiner Lebensthemen, denn Schönheit beinhaltet auch die Freiheit des Geistes, und diese Freiheit ist mir heilig.

Die Autoren erzählen, dass sie „auf einem höchst seriösen Sender eine ebenso seriöse Dame über Kunst sprechen“ hörten. „Jede ‚tierische’ Kunstform“, sagte diese, „sei keine ‚Schöpfung’ im eigentlichen Sinne, sondern nur Ausdruck dessen, was unser menschliches Auge als schön empfinde. Diese Schönheit aber sei einfach nur ‚schön’ und nicht ‚durchdacht’.“ (Seite 65)
Das Durchdachte wird also hier zum Kriterium des Kunstbegriffs. Diese Definition kann ich als Malerin nicht teilen. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass gerade das nicht Durchdachte tatsächlich Schönheit und nach meiner Auffassung auch Kunst kreiert.

Der Diskurs hat sich in der Kunst seit langem zunehmend von der Materialität weg entwickelt, hin zu einem intellektuellen, konzeptionellen Ansatz. Wassily Kandinsky beschreibt bereits 1912 in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ die Schönheit der Abstraktion, der reinen Farben und reinen Formen. Er wollte seine Kunst von allen materiellen Dingen reinigen. Mir dagegen ist das Materielle weit mehr als ein Stoff. Ich würde so weit gehen und vom Geistigen im Materiellen sprechen.

Ich vermute, das Autorenpaar Dubois und Rousseau sieht das ähnlich. Sie beleuchten am Beispiel des Seidenlaubenvogels den Kunstbegriff kritisch, wenn sie fragen, ob nicht auch sein Nestbau als eine Art künstlerische Schöpfung angesehen werden kann. Und ob das tief nachtblaue Gefieder des Seidenlaubenvogels tatsächlich Ursache dafür sein könnte, dass er violette, blaue oder schwarze Beeren für sein Nest verwende und es darüber hinaus auch noch mit blauen Fundstücken wie Flaschenverschlüssen, Feuerzeugen oder blauen Plastikstücken schmücke. Er legt anscheinend auch Steine aus, „und zwar immer so, dass die größeren vorne liegen und die kleineren hinten“. So schaffe er „eine optische Illusion“. (Seite 66 f.)

Ist das nicht eine geniale Leistung? Warum tut der Vogel das? Woher weiß er überhaupt um die Perspektive und die Wirkung großer Räume? Wir können jetzt sagen, dass alles Schmücken, das sich Vögel und andere Tiere einfallen lassen, dem Zwecke der Fortpflanzung dient. Aber selbst wenn dem so wäre, zeigt es doch einmal mehr, dass Schönheit überzeugend ist, dass durch Schönheit etwas erreicht werden kann. Und das zu erkennen, also auch unterscheiden zu können, sind offensichtlich auch Tiere in der Lage.
Wir wissen letztlich einfach nicht, ob nicht auch Vögel und alle anderen Tiere ein wirkliches Gespür für Schönheit haben. Immerhin ist nachgewiesen, dass sie auf Musik reagieren, was auch bei Pflanzen der Fall ist.
Das blaue Nest des Seidenlaubenvogels fühlt sich für das Weibchen vielleicht wie eine Art blaue Halle an – zumindest wie eine lang gedehnte Behausung. So stelle ich es mir zumindest vor, wenn ich versuche, mich in die Vogelperspektive zu versetzen. Ganz ähnlich fühlt es sich an, wenn ich einen Buchenwald betrete, eine grüne Halle der Ruhe und Heiterkeit.

Nach Grün steht mir im Winter aber in meiner Malerei kaum der Sinn. Ich stelle immer wieder fest, dass ich in meinem Malen auf die Jahreszeiten reagiere. Sie haben direkten Einfluss auf meine Arbeiten.

In letzter Zeit habe ich einige blaue Bilder gemalt – ganz unabhängig vom Seidenlaubenvogel. Im Moment experimentiere ich mit bewachsten Tüchern und Papieren. Ich bin auf der Suche nach einer noch abstrakteren Ebene der Wald- und Baumdarstellungen als bisher. Ich möchte einen Natureindruck allein durch Zitate aus der Natur und aufgrund der Materialität erzeugen. Es geht mir dabei nicht um reine Formen, sondern um die Frage, wie weit ich die Abstraktion treiben kann, ohne dass Tiefe, Atmosphäre und Möglichkeiten, Natur zu assoziieren, verloren gehen. Ich bin gespannt, was im neuen Jahr aus mir heraus will.

Die Vögel werde ich auf jeden Fall nach der Lektüre des Büchleins von Philippe J. Dubois und Élise Rousseau noch einmal mit ganz neuen Augen betrachten. Wenn sie im Frühjahr zu singen beginnen und die Bäume ihre Blätter ausrollen, werden meine Bilder wieder in anderen Farben tönen als in der abgedämpften Jahreszeit. Was mir aber zu jeder Jahreszeit bleibt, ist die Suche nach Wahrheit und Schönheit im Bild