Obgleich der Nachmittag schon halb herum war, als ich fortging,
war es doch einer jener Nachmittage, die unendlich lang vor uns liegen,
in welchen sich alles mögliche ereignen kann, die einen großen Teil
unseres irdischen Lebens bilden.

aus „Walden“ von Henry David Thoreau

Neulich habe ich ein kleines Abenteuer erlebt. Waldzeit e.V. hat mich in das Wildniscamp am Falkenstein im Bayrischen Nationalpark eingeladen. Der Verein hat die Hütte von Henry David Thoreau originalgetreu nachgebaut und lädt im Jubiläumsjahr 2020 einige Kreative dazu ein, ein paar Tage in der Hütte – auf Thoreaus Spuren – zu arbeiten und zu leben. Außer der Thoreau-Hütte gibt es etliche Themen- und Länderhütten, die auf weitläufigem Areal um ein wunderbares Basiscamp aus Glas und Holz verstreut sind. Alle Hütten ohne Strom und Wasser. Bis auf die Wasserhütte, die stand auf Stelzen direkt über dem Geiselbach.

Normalerweise sind die von Waldzeit e.V. und der Nationalparkverwaltung betreuten Hütten von Gruppen und Schulklassen bevölkert und werden im Basiscamp versorgt.
Leider fiel mein Aufenthalt in die Zeit der Corona-Pandemie und das gesamte Camp war wie ausgestorben. Gut, dass Waldzeit eingewilligt hat, dass mich meine Tochter Marlen begleiten darf. Wir waren die einzigen Menschen inmitten dieser großen Natur. Am Tag war alles wundervoll, aber die Nacht ließ uns erkennen, wie sehr wir an elektrisches Licht und die Anwesenheit von anderen Menschen in der Umgebung gewöhnt sind. Zugegeben, uns war mulmig in der Nacht, zumal wir kein Netz hatten. Und ja, es gibt Wölfe dort und die tschechische Grenze, über die manche Leute unbemerkt manche Dinge transportieren möchten, war praktisch vor der Haustüre.

Aber zurück zum Tag. Er begann früh und wir erlebten ihn genau so, wie Thoreau in dem obigen Zitat seinen Nachmittag beschrieben hat. Wir waren wie aus der Zeit gefallen. Marlen fotografierte, zeichnete und las in den Büchern von Thoreau, die in einer Blechkiste in der Hütte aufbewahrt waren. Dort gab es außerdem noch ein Bett, zwei Stühle, einen kleinen Tisch und einen Holzofen für kalte Tage.

Marlen war einer von der Natur inspirierten Schmuckkollektion für ihr eigenes Label Goldmarlen auf der Spur. Ich habe eine neue Herangehensweise an den kreativen Prozess in meiner Malerei erlebt. Für das Arbeiten im Wildniscamp, in dem ich ja keine Möglichkeit hatte, Wachs zu schmelzen, hatte ich Wachstücher vorbereitet. Anhand dieser Tüchern habe ich Abdrücke von Bäumen genommen oder Abreibungen gemacht. Die Ergebnisse von verborgenen Naturprozessen, mit ihrer unendlichen Vielfalt an Formen, Farben, und Strukturen versetzen mich immer wieder in helle Begeisterung. Allein schon die Algen, Flechten und Pilze bilden eine eigene ästhetische Welt. Von der Natur erzeugte Farbklänge sind immer in sich stimmig. Und man hat den Eindruck, dass Gestaltungswille und Zufall ideal miteinander verschränkt sind. Ich möchte im Atelier etwas davon umsetzen, was die Natur draußen mir vorlebt.

Waldzeit e.V., zusammen mit der bayrischen Nationalparkverwaltung, leisten Beachtliches im Bereich der Umweltbildung, sprich Naturliebe. Für Kinder und Erwachsene steht ein umfangreiches Kursprogramm zur Verfügung. Ein zukunftsweisendes Projekt mitten in den Wäldern !

In Thoreaus Hütte zu sein, hat mich ihm noch näher gebracht, als er es ohnehin durch seine Schriften, die auch nach 200 Jahren noch aktuell sind, war. Danke Waldzeit und danke H.D.Thoreau !

www.nationalpark-bayerischer-wald.bayern.de/lernort/wildniscamp/index.htm