Faden

Die vergangenen Wochen habe ich mit Frauen verbracht: tagsüber im Atelier und vor dem Schlafen beim Lesen im Bett. Die Philosophin Margarete Susman (1872–1966) setzt sich in ihrem Buch „Die Frauen der Romantik“ mit fünf Protagonistinnen dieser Epoche auseinander. Bisher habe ich Caroline Schlegel, Dorothea Schlegel und Rahel Varnhagen, die mich von den dreien am meisten beeindruckt hat, näher kennengelernt. Ich bin froh, dass mir dieses Buch in Zusammenhang mit meiner Beschäftigung mit Novalis in die Hände fiel. Zu allen Zeiten gab es kluge und herausragende Frauen, denen man leider kaum Platz in der Kunst- und Kulturgeschichte einräumte. In Margarete Susmans Buch erfährt man vor allem etwas über das Leben der fünf Schriftstellerinnen bzw. Dichterinnen. Ihre Gedankenwelt hat sicher in die der männlichen Kollegen hineingewirkt. Zusammenfassende Kernaussagen zur Romantik habe ich in dem Buch bisher nicht gefunden. Novalis sagt, dass Poesie der Schlüssel zum Leben und zum höheren Bewusstsein sei, dass die Welt romantisiert werden müsse, dass man romantisiere, wenn man dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten und dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe. Ich denke, dass die Epoche der Romantik etwas mit meiner Arbeit zu tun hat. Was genau, versuche ich zu klären, zu benennen.

 

Wenn man Poesie, so wie ich sie verstehe, als Grundthema der Romantik nimmt, bin ich etwas ratlos, wenn ich mir Bilder der wichtigsten Vertreter der Malerei dieser Zeit, Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge, anschaue. Einsichtig in Bezug auf romantische Inhalte ist für mich dagegen das Werk von William Turner. Der englische Zeitgenosse von Friedrich und Runge hat offensichtlich ganz andere Schlüsse aus diesen Grundthemen gezogen. Mir erscheinen Turners Bilder poetischer, atmosphärischer. Auch sehe ich bei ihm nicht das Dunkle und Mystische, das man Romantikern im Allgemeinen nachsagt.

 

Eine geschätzte Freundin hat mich auf ein Buch von Rüdiger Safranski über die Romantik aufmerksam gemacht. Das wird mein nächster Lesestoff zum besseren Verständnis dieser Epoche sein. Denn die Schriften aus dieser Zeit sind tatsächlich zu umfangreich, als dass ich mir durch ihre Lektüre selbst tiefere Einsichten erwerben könnte.

 

Im Atelier habe ich inzwischen eine Reihe mit „Fadenfrauen“ begonnen. Schon sehr lange verarbeite ich Faden in meinen Bildern, er war immer schon ein reizvolles Medium für mich. Früher haben „meine Leute“ damit gespielt, gestrickt, sich gegenseitig Pullover und Kleider aufgezogen, sich verheddert … Er stellt eine ganz eigene Qualität von Linien dar, kann verbindend und trennend zugleich sein. Eine Weile trat der Faden für mich in den Hintergrund, aber jetzt habe ich ihn wieder aufgenommen, indem ich ihn auf die Köpfe meiner Frauen drapiere respektive einarbeite.

 

Ich versuche immer wieder zu ergründen, warum ich etwas tue, aus welchen Quellen ich schöpfe. Aber letztlich bleibt der gesamte malerische Prozess geheimnisvoll für mich. Ich bin Beobachterin dessen, was entsteht, folge meinem inneren roten Faden, der sich bis hierher für mich zwar folgerichtig schlängelt, mir aber nichts als eine vage Ahnung davon gewährt, in welche Furchen und auf welche Erhebungen er sich legen wird auf dem Weg durch die unendlichen Möglichkeiten.