Ich habe mir viel Zeit gelassen mit meinem neuen Blogeintrag, war doch das vergangene Jahr dicht gefüllt. Die Ausstellungen liefen gut, und um die vereinbarten Termine auch einhalten zu können, hatte ich im Atelier alle Hände voll zu tun. Der lange heiße Sommer war dazu angetan, einen lahm zu legen, was aber bei mir genauso wenig zuzulassen war wie bei allen, die täglich zur Arbeit gehen. Mein Wachsherd musste eingeheizt werden, Sommerhitze hin oder her. Abends war ich zwar zu träge, um noch den Blog zu „füttern“. Doch die Tätigkeit, mit der ich meinen Tag stets abschließe, blieb mir auch in dieser Zeit ein Bedürfnis: nämlich zu lesen. So befasste ich mich weiter mit Schiller. „Unser armer Schiller“ von Johannes Lehmann ist eine Freude für Schillerfans, geistreich, witzig und informativ zugleich. Durch die Beschäftigung mit dem Dichter bin ich auf weitere Autoren aufmerksam geworden. Ich habe bei Hegel, Kant und Gadamer nachgelesen, was die Herren Philosophen zum Schönheitsbegriff zu sagen hatten, und bin dabei auf weitere Namen gestoßen, die mein Interesse geweckt haben. So entstehen immer mehr Fragen, je länger ich mich mit der Thematik befasse.

 

Warum beschäftige ich mich überhaupt mit dem Begriff Schönheit? Ich vermute, dass ich anfangs für mich als Malerin nach einer Art Legitimation suchte. Ich bekam immer mehr den Eindruck, dass es in der bildenden Kunst schon lange nicht mehr selbstverständlich ist, sich der Darstellung des Schönen widmen zu können, ohne vonseiten der Fachwelt in die Nähe von Belanglosigkeit gerückt zu werden. Die Gründe dafür, dass das Schöne in der Kunst derart „aus der Mode gekommen ist“, sind sicher vielfältig. Dass mit dem Schönen nicht eine rein äußere, oberflächliche Schönheit gemeint ist,  versteht sich. Aus der Suche nach der Legitimation für mein Tun ist mit der Zeit ein wirkliches Interesse an der Thematik entstanden, unabhängig von meiner Malerei. Der Weg verzweigte sich zu immer mehr Namen, bis ich schließlich auch auf Platon stieß. Dessen Zeit ist lange vergangen, aber für mich haben seine Gedanken auch heute noch ihre Aktualität. Im Dialog „Phaidros“ schreibt der griechische Philosoph unter anderem: „Es gibt für die in die Schwere des Irdischen gebannte Seele, die sozusagen ihr Gefieder verloren hat, so dass sie nicht mehr zu der Höhe des Wahren sich aufschwingen kann, eine Erfahrung, bei der das Gefieder wieder zu wachsen beginnt und die Erhebung wieder eintritt. Das ist die Erfahrung der Liebe und des Schönen, der Liebe zum Schönen.“ Hans-Georg Gadamer greift in „Die Aktualität des Schönen“ diese Sätze auf und fügt hinzu: „Was wir aus dieser Geschichte als wichtigen Hinweis entnehmen ist, dass das Wesen des Schönen gerade nicht besteht, der Wirklichkeit nur gegenüber und entgegengesetzt zu sein, sondern dass Schönheit, wie unverhofft sie auch begegnen mag, wie eine Bürgschaft ist, dass in aller Unordnung des Wirklichen, in all ihren Unvollkommenheiten, Bosheiten, Schiefheiten, Einseitigkeiten, verhängnisvollen Verwirrungen dennoch das Wahre nicht unerreichbar in der Ferne liegt, sondern uns begegnet. Es ist die ontologische Funktion des Schönen, den Abgrund zwischen dem Idealen und dem Wirklichen zu schließen.“

 

Schönheit als Lebensmotor. Die Natur führt es uns vor Augen. Tiere und Pflanzen schmücken sich zum Beispiel in den schönsten Farben und Formen, um sich fortpflanzen zu dürfen. Seltsam, dass wir gerade in einer Zeit, in der die Zerstörungen auf der Erde immer sichtbarer werden, das Hässliche und Oberflächliche zelebrieren, so als ob wir diese Entwicklung auch noch feiern wollten, anstatt ihr etwas entgegenzusetzen. Es gibt das Negative, ja. Aber nicht nur. Viele befassen sich mit den Auswüchsen der Schönheit, aber nicht mit der Schönheit selbst. Ich sage das jetzt nicht als Künstlerin, sondern einfach als Mensch, der nicht begreift, warum sich der aus meiner Sicht destruktive Hang so etablieren konnte. Als habe man Angst vor den Begriffen Wahrhaftigkeit, Tiefe, Sinn. Bloß keine Atmosphäre. Hat das mit Angst und verloren gegangenem Vertrauen zu tun und dies wiederum mit einem aus den Fugen geratenen Kapitalismus?

 

Es gäbe dazu sicher noch so manches zu überlegen und anzusprechen. Doch offen gesagt fühle ich mich im Atelier viel besser aufgehoben als am PC. Beim Malen kann ich das Unsagbare ausdrücken, und wenn ein Bild fertig ist, bleibt nicht ein Gefühl des Lückenhaften zurück. Trotzdem: Ich freue mich sehr, dass mein Blog Zuspruch findet und ich mich Euch auch auf diese Weise mitteilen kann. Bis zum nächsten Mal!