Beim letzten Eintrag habe ich erzählt, dass ich mich mit Rüdiger Safranskis Buch „Romantik. Eine deutsche Affäre“ befassen möchte. Ich habe jetzt etwas mehr als die Hälfte gelesen und bin begeistert. Es ist ein fantastisches Buch. Am liebsten würde ich jetzt alles erzählen, weil ich es so aufregend finde, wie Safranski die Romantiker durchleuchtet und deren Intentionen in einer faszinierenden Sprache zusammenfasst. Alle bekannten Romantiker, von der Früh- bis zur Spätromantik, werden eingehend besprochen. Nur kommen die Frauen nicht vor. Sie haben zwar kein philosophisches Werk hinterlassen, was mit der Rolle der Frauen in dieser Zeit zu tun hat, aber als Schriftstellerinnen beeindruckende Werke geschaffen. Da muss ich vielleicht Herrn Safranski mal fragen, warum er sie ausgelassen hat.

Irgendwie schade, dass man sich selbst so spät kennenlernt. Man geht durch sein Leben, trifft intuitiv Entscheidungen und kann erst mit der Zeit benennen, was einen wirklich antreibt und ausmacht. Zumindest mir geht es so. Die Beschäftigung mit der Romantik war kein Zufall und hat mich meiner „inneren Heimat“ ein Stück nähergebracht.

Man muss sich vorstellen, dass sich die Romantiker, trotz aller Verschiedenartigkeit, schon vor über 200 Jahren darin einig waren, dass gegen die Wüste der Entzauberung nur das Geheimnis helfe. Dieses gelte es gegen den modernen Nihilismus zu verteidigen, der mit Langeweile und Sinnlosigkeitsgefühlen einhergehe. So fasse ich ausschnitthaft die von Safranski herausgearbeiteten Gedanken zum Geheimnis zusammen. Er spricht weiter vom großen Gähnen angesichts der entzauberten Welt, gegen die nur helfe, die Welt wieder ins Geheimnis zu hüllen. Ein Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung ist damit aber ganz sicher nicht gemeint.

Ich sehe auf jeden Fall immer deutlicher, dass ich eine Romantikerin bin. Als ich äußerte, das Geheimnis malen zu wollen, war dies zu einem Zeitpunkt, als ich noch gar nicht wusste, dass das Geheimnis ein zentraler Begriff der Romantik ist. Ich finde es aufschlussreich, dass das Denken und Trachten von uns Menschen immer wieder um die gleichen Dinge kreist, wenn auch in unterschiedlichen Gewändern.

Im Atelier bin ich noch an den Fadenfrauen dran und parallel an der Walden-Reihe. Ich habe von meiner mit über 90 Jahren verstorbenen Tante Elsa einige sehr alte Leintücher geerbt, wunderbares Leinen, wie man es heute sicher kaum mehr bekommt. Lange habe ich sie, bis auf eines, nicht angerührt. Ich wollte auf besondere Ideen warten. Jetzt habe ich sie doch hervorgeholt, weil mir klar wurde, dass ich einfach damit anfangen muss. Ich wollte zunächst, dass das Tuch selbst den Hintergrund bildet, der lediglich ein paar Arbeitsspuren aufweist, aber ansonsten nicht übermalt wird. Es sollte ganz viel Raum und Luft entstehen und ich wollte auf ein besonderes Material aus der Vergangenheit verweisen. Am Ende kam es doch anders, indem ich wieder meiner gewohnten Arbeitsweise des Verdichtens und Freilegens im Dialog mit dem Bild folgte. Ich bin fast fertig damit, man sieht die Leinenstruktur noch. Aber beim nächsten Bild möchte ich noch mehr davon stehen lassen. 2013 hatte ich das erste Leintuch als Maluntergrund verwendet. Das fertige Bild nannte ich „Friedas Leintuch“, denn meine Tante Elsa hatte ihrerseits die Leintücher von Frieda vererbt bekommen.

Beim nächsten Eintrag gibt es dann ein Foto des zweiten Bildes auf einem von Friedas Leintüchern.

Bis dahin.