Irmgard Sedler 

Der Mensch im Bilde

Die Künstlerin stellt klar: „Es sind bis auf ganz wenige Ausnahmen keine realen Porträts, die ich male, es sind meine inneren Bilder. Zugleich fließen Beobachtungen ein, die ich bei Menschen mache, und das intuitive Erfassen von inneren Zuständen, die sich in der Physiognomie äußern. Sie sollen sichtbar machen, was uns Menschen allgemein als fühlende Wesen verbindet. Dabei geht es mir nicht um die momentane Befindlichkeit, sondern um die Tatsache, dass Fühlen über die Körperempfindungen hinaus überhaupt möglich ist, also das Fühlen als Qualität ist gemeint. […] Was einen überhaupt als Menschen ausmacht, das wollen die Gesichter transportieren, unser Innerstes kommunizieren und es paradoxerweise gleichzeitig verbergen.“

Sich das eigene metaphorische Antlitz des Menschseins bildlich zu erschaffen, ist somit in diesem Werkabschnitt der Antrieb für die „Porträt“-Kunst von Marlis Albrecht.Die im Ringen um die eigene Selbsterkenntnis und das Wesen des fühlenden Menschen im Allgemeinen entstandenen „Porträts“ sind dementsprechend eher Gesichte als Gesichter, obwohl sie für den Betrachter auf den ersten Blick veristische, deutlich individualisierte Züge tragen. Das ist das Faszinierende an ihnen.

Marlis Albrechts meisterhafte gestalterische Auslotung im Umgang mit dem Material Wachs eröffnet ihr ungeahnte künstlerische Möglichkeiten im Wechselspiel mit dem Drinnen und Draußen des menschlichen Antlitzes, von Oberfläche und Innerem, das zugleich auch ein Spiel mit dem Mehrdeutigen oder aber Ambivalenten ist, gerade wenn es ihr um die anfangs deklarierte Darstellung menschlichen Fühlens geht. Marlis Albrecht gelingt dieses Doppelspiel des Paradoxen zwischen Sichtbarmachung des Gedachten und Empfundenen hinter der Fassade des Antlitzes und jener scheuen Undurchsichtigkeit Klimt’scher Prägung. Sie schafft das mit einem Material, das in sich schon die Mehrdeutigkeit seiner Aggregatszustände trägt – hier das Lebendigkeit suggerierende Anschmiegsame und Formspielerische, dort das wächsern Starre des lebendig Gewesenen.

 

Das Sinnliche bewahrt unter der Wachsschicht nicht nur jene Aura des Geheimnisvollen, das das Innenleben der Figuren vor der letzten Offenbarung schützt, sondern es rückt sie ähnlich alten Freskodarstellungen in weit zurückliegende Vergangenheiten. Zugleich verschafft diesen der naturbelassene, wächserne Hintergrund eine magische Präsenz, eine verrätselte Verkörperung des Mensch-Seins überhaupt im archetypischen Sinn.

 

In letzter Instanz fügen sich diese „Porträts“ gemeinsam zu einer Metapher des Humanen im Heutigen, wobei das Menschsein in unserer Zeit jenseits der klassischen Theorie Sigmund Freuds, sich zwischen den Triebkräften der Natur, dem Ich und Über-Ich und den sozialen Normen konstituierend, noch dem mehrdeutigen und ungewissen Zustand der schwindenden Kommunikation zwischen Individuen im Zeitalter vernetzter Medien Rechnung zu tragen hat. Aus all diesen Gesichten/Gesichtern kommt letztlich ein Stück des zeitgenössischen Unbehagens herüber, das uns ahnen lässt, dass es heute viel komplizierter ist als zu Goethes Zeiten, wo man der Melancholie schon im Anblick eines menschlichen Antlitzes zu entkommen vermochte.

aus “ATMOS” Wasmuth Verlag

 

Gisela Hack-Molitor

Die Werke von Marlis Albrecht, in langen Schaffensprozessen entstanden, sind buchstäblich vielschichtig. Dem entspricht das komplex und vieldeutig angelegte zentrale Motiv der Künstlerin: der Mensch, insbesondere sein “In-Beziehung-Treten”, die Blick- und Fühlungnahme. So wie die Künstlerin ihre technischen Möglichkeiten ständig erweitert, so umkreist, belauert, verfolgt sie dieses Motiv, wobei ihre Figuren immer mehrdeutig und mit Bezug zum Betrachter angelegt sind. Ein Wandel im Stil der produktiven Künstlerin seit den Anfängen ist nicht zu übersehen: Während auf frühen Bildern Menschen mit bloß angedeuteter Physiognomie von farbreichen Ornamenten umgeben sind, konzentrieren sich die jüngeren Werke auf Szenen in oft verhaltener Farbgebung, aber mit ausdifferenzierten und ausdrucksstarken Figuren.

Jedes der Bilder zeigt aufs unterschiedlichste in den Raum gestellte Personen – entweder einzeln, im Paar oder in Gruppenkonstellationen. Man könnte die Wachsgemälde als moderne Tableaux vivants bezeichnen, “lebende Bilder” in der Form szenischer Darstellungen, nur mit imaginierten Figuren statt lebendiger Akteure. Die lebenden Bilder des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, häufig Gruppenbilder, sorgten im Theater oder bei höfischen oder bürgerlichen Festen für Ergötzung; teilweise von Malern sorgfältig arrangiert, gaben sie Historien- oder Genremalerei wieder. In der Fotografie lebt diese Bezeichnung bei besonders symbolhaften Kompositionen bis heute fort. Ebenso in den Walking Acts oder Living Mannequins, die heute als Straßenkünstler oder auf Festivals auftreten und lange regungslos in Posen verharren, wobei sie mit dem Publikum bisweilen durch überraschende kleine Gesten (ein Augenzwinkern oder das Lüften des Hutes) oder sparsame Aktionen in Kontakt treten.

Beides: die Fixierung eines charakteristischen und vielsagenden Moments und die Kontaktaufnahme mit dem Betrachter ist auch den Bildern von Marlis Albrecht zu eigen. Etwa beim “Perlendreher”, der den Moment “einfriert”, in dem die Zungenspitze des Mannes den Perlenohrring der Frau berührt; eine erotische Pose, deren Intimität konterkariert wird durch den direkten Blickkontakt beider mit dem Betrachter. Der Blick des Mannes konzentriert-verstohlen, der ihre ist undeutbar oszillierend zwischen Schwermut und Ergebenheit und einem Anflug von kontrolliertem Genuss. Der Bildtitel verleiht der Szene in der Vorstellung vom zärtlichen Zungenspiel noch eine dynamische Komponente und eröffnet gleichzeitig einen Interpretationsspielraum für die durch den Kontrast zwischen aktivem Mann und passiver Frau asymmetrische Personenkonstellation. Auch “Stabile Driftungen”, ein Gruppenbild mit Damen, ist ein solches lebendes Bild: drei Frauen und zwei Männer posieren vor und hinter einer Trennmauer, die durch den langen Vorhang rechts auch als Bühne zu interpretieren ist. Zwei Paare einander zugewandt, eine Frau seitlich davor, bilden sie gemeinsam eine Gruppe, die – wie der widersprüchliche Titel suggeriert – sich im Zustand des stabilen Sich-Treiben-Lassens befindet; eine Bezeichnung, die sowohl die Körper im Raum als auch deren geheime Beziehungen zueinander anspricht. Auch hier der vielsagende und doch nicht deutbare Blick zum Betrachter, zumindest bei vieren der fünf. Überhaupt der Blick: Auf den meisten Bildern von Marlis Albrecht fixieren die Figuren den Betrachter und holen ihn dadurch ins Bild; doch dieser Blick kommt meist von weiter Ferne, aus einer Gegenwelt, die dennoch – und das macht den Sog dieser Bilder aus – vertraut scheint. Als blicke man in einen Jahrmarktspiegel, der statt der verzerrten eigenen Körperkonturen überraschend vertraute, nie ausformulierte Gedanken und intime Seelenbilder widerspiegelt. Die Figuren sind von schwebender Ambivalenz: in unkonkreten Räumen positioniert, besitzen sie klare körperliche Präsenz und “Charakter”. Ob versonnen oder kapriziös, lüstern oder zimperlich, provozierend, artig oder kess-verspielt, immer sind sie beziehungsreich und hintersinnig – nicht greifbare Zwischengänger, die alleine oder zu mehreren imaginäre Räume zwischen Realität und Vorstellung bewohnen, die sie nur scheinbar preisgeben.

Das Inszenierte von Albrechts Tableaux vivants gewinnt durch die sehr spezielle Titelgebung der Bilder noch an Deutlichkeit. Titel wie “Euphorbia” (ein botanischer Name für die Wolfsmilch), “Halbmundnacht” oder “Schiefer Hausstrauß” setzen das Gezeigte in einen größeren semantischen Kontext und eröffnen der Fantasie assoziativ-lustvoll zu erobernde Räume, die Sprichwörtliches, Märchenhaftes oder Anzüglich-Witziges amalgamieren und verfremden. “Hängt ihr Blümchen in den Wind”, “Herdzogin”, “Allerleiblau” oder “Rukedikuh” sind wenige Beispiele von vielen. Hier tritt eine beachtliche, beinah überbordende poetische Sprachlust und -kraft zutage, die sich mit dem Wachswerk künstlerisch verbindet, wobei beides, Sprache und Bild, in Wechselspiel treten und sich gegenseitig aufladen.

WIE KOMMT DAS WACHS AUFS BILD

Marlis Albrecht hat mit vielen künstlerischen Ausdrucksformen und Materialien experimentiert, bis sie 1994 das Bienenwachs entdeckte und mit ihm die figürliche Malerei. Ab diesem Zeitpunkt arbeitet sie beständig und fast ausschließlich mit diesem Naturstoff. Die Konzentration auf den flexiblen Werkstoff Wachs hat bei der Künstlerin eine hoch entwickelte, eigenständige Warm- und Kaltwachs-Mischtechnik hervorgebracht, die ohne unmittelbares Vorbild ist und unter zeitgenössischen Künstlern keine Parallelen findet. In Deutschland ist im Zusammenhang mit Wachstechniken in der Malerei einzig der Künstler Martin Assig (Berlin), international Jasper Johns zu nennen; beide arbeiten jedoch auch oder überwiegend mit anderen Techniken.

Das aus der Erfahrung gewachsene technische Know-how setzt die Künstlerin in den Stand, die Wachstechnik sowohl für die Darstellung präziser Details wie auch des Verschwommenen, Unkonkreten und Imaginären ideal einzusetzen. Geschmolzenes, mit Pigmenten gefärbtes Bienenwachs gießt, pinselt und spachtelt sie in Schichten auf den Malgrund Holz oder Leinwand auf. Zu kurz greift der Begriff Enkaustik: Marlis Albrecht hat mit dem Material Wachs einen Pakt geschlossen, um eine eigene Welt zu erschaffen. So entstehen auf der wächsernen Malfläche – durch Abkratzen, Abschaben und Einritzen, durch das Einbringen von Kaltwachstempera und wieder warmem Wachs, durch Übereinanderlegen und wieder Abtragen einzelner Schichten – komplexe Bildwerke mit teils reliefartiger Oberfläche. Die Verformbarkeit des Werkstoffs erlaubt glatte und raue Oberflächen, pastosen Auftrag, Ausflüge aus der Zweidimensionalität des Tafelbildes in die dritte Dimension. Die Technik ermöglicht auch eine besondere Art der Farbigkeit, da die Dichte des Pigments im flüssigen Wachs die Farbintensität steuert. Typisch sind Gesichter und Haut aus schimmernden Wachsschichten, die Tiefe und Dreidimensionalität besitzen. Der Wechsel zwischen großflächigen Partien und detaillierter Ornamentik in der Kleidung der Figuren wird gelegentlich durch das Collagieren mit Stoffen, Papieren oder anderen Materialien unterstützt. Doch das wichtigste Material ist immer das Wachs, das für Marlis Albrecht die Vielschichtigkeit des Lebens in sich vereint und in ganz besonderer Weise dazu geeignet ist, vielfältige Aspekte des Seins darzustellen. Denn Wachs ist für sie viel mehr als ein Material – es transportiert Inhalte.

aus “Menschen wachsen” Verlag Hackenberg