Wachs in der Malerei

 

Im Zeitalter der unendlichen Reproduzierbarkeit von Bildern verflüchtigt sich deren Oberfläche, werden sie zu einer Ansammlung von Pixeln auf Bildschirmen und Druckpapieren. Sie haben alle Festigkeit verloren, haptische Qualitäten entgleiten. Die Digitalisierung hat mit dem Übergang ins 21. Jahrhundert Bilder im wahrsten Wortsinn immateriell werden lassen.

Steht man vor einem Original, kann man sich dessen Materialität wieder nähern. Kunstausstellungen bieten die Möglichkeit, sich auf ein gemaltes Bild, ein Original einzulassen. Es lohnt sich in diesem Rahmen der jeweiligen Technik und der breitgefächerten optischen Wirkungsmöglichkeit des Gemäldes nachzuspüren. Die Auseinandersetzung mit dem Materiellen des Kunstwerks bietet für den Besucher die Möglichkeit und Chance, den schöpferischen Prozess, den ein Künstler unternimmt, in einem gleichsam spiegelbildlichen Verlauf nachzuerleben.

Eine eigenwillige Herausforderung für den Betrachter bietet dabei die Wachsmalerei, eine künstlerische Technik, die schon in der griechisch-römischen Antike bekannt war, die in der Neuzeit jedoch äußerst selten – fast man könnte sagen exklusiv – praktiziert wird und daher einer kurzen historischen Erläuterung bedarf.

Wachsmalerei wird oft synonym zum Wort „Enkaustik“ gebraucht, einem altgriechischen Begriff, der sich in etwa mit »Einbrennkunst« übersetzten lässt. In der antiken Technik wurde das Wachs als Bindemittel für verschiedene Farbpigmente genutzt und das so gefärbte Wachs mit Hilfe von heißen Werkzeugen – wie z.B. Spachteln – auf Bildträger aufgetragen, die damals zumeist aus Holz, Elfenbein oder auch aus Stein waren. Mit Hilfe einer glühenden Kohlenpfanne, die man in die Nähe des Bildträgers brachte, wurde das Wachs dann endgültig in den Bildgrund eingebrannt.

Den Begriff »Enkaustik« umgibt gelegentlich ein Hauch von Magie, der daher rühren mag, dass die »Einbrenntechnik«, die Wachs durch Erhitzen mit dem Bildgrund verbindet, tatsächlich Schöpfungen ermöglicht, die Jahrtausende überdauern. Das ist umso erstaunlicher, da noch immer nicht alle maltechnischen Details dieser antiken Kunst geklärt sind. So ist bis heute zweifelhaft, ob Wachsmalerei wirklich grundsätzlich mit dem Prozess des »Einbrennens in den Malgrund« verbunden war. Sicher dagegen ist, dass das Bienenwachs farbig gemacht wurde, indem man im erhitzten Zustand Farbpigmente zusetzte. In Überlieferungen wird zudem von einem „punischen Wachs“ gesprochen, dessen  genaue Rezeptur aber wieder Spekulation bleiben muss.

Eine besondere Beachtung fand die Wachsmalerei im 19. Jahrhundert durch archäologische Entdeckungen. In Ägypten –  besonders den Regionen Fayum und Antinoupolis – entdeckte man Mumienporträts, die meist frontal wiedergegebene Brust- oder Kopfbildnisse zeigten. Die Maltechniken der Funde waren entweder Tempera (in der Pigmente vorwiegend in einer Wasser-Öl-Emulsion gebunden werden) oder die Enkaustik. Die Wachsmalereien hatten sich meist – auch dank des ägyptischen Klimas – in einer geradezu verblüffenden Farbfrische erhalten und selbst die chemischen Kennzahlen des Bienenwachses waren nahezu unverändert geblieben. Neben den Zeugnissen antiker Tafelmalerei findet man Enkaustik gelegentlich auch bei Wandmalereien – beispielhaft sind Funde aus Pompeji. In schriftlichen Zeugnissen äußern sich Autoren wie Plinius und Vitruv zur Technik der „Einbrennkunst“. Weitere schriftliche Quellen zeugen davon, dass selbst im europäischen Mittelalter enkaustische Techniken nicht in Vergessenheit geraten waren.

Der Klassizismus des 18. Jahrhunderts widmete sich – mit seiner Begeisterung für alles Antike – auch der Wachsmalerei und ihren technischen Fragen. Mit intensiven Experimenten versuchten italienische, deutsche und französische Künstler der Epoche eine Neubelebung und Weiterentwicklung der Enkaustik. Auch im 19. Jahrhundert gab es Künstler, die sich dieser Disziplin zuwandten, unter ihnen so berühmte Namen wie Arnold Böcklin, William Adolphe Bouguereau oder Edvard Munch. Von der Öffentlichkeit wurden ihre experimentellen Arbeiten dagegen selten beachtet, da sich die Künstler überwiegend mit »gängigen« Maltechniken beschäftigten und Wachsmalerei höchstens als Mischtechnik bei Ölbildern verwandten. Auch unter den Zeitgenossen finden sich kaum Künstler, die ausnahmslos mit Wachs arbeiten und die Eigenschaften des Materials für ihre Arbeiten nutzen.

Marlis Albrecht hat sich seit 1994 ausschließlich diesem Werkstoff zugewandt. Sie entwickelte über lange Jahre ganz eigene Lösungen im Umgang mit dem Bienenwachs. Nach dem Schmelzvorgang wird das Wachs mit Pigmenten eingefärbt und in einzelnen Schichten mit Pinsel oder Spachtel auf den Malgrund Holz aufgebracht. Durch Abschaben, Abkratzen oder Einritzen, durch das Aufbringen neuer Wachsschichten, dem Collagieren mit Stoffen, Papieren oder anderen Materialen entsteht eine materielle Dichte, die es der Künstlerin ermöglicht, exemplarisch an Menschen- und Baumbildern, Vielschichtigkeit, Tiefe und Atmosphäre zu erzeugen.  

Da das Wachs bei der Malerei von Marlis Albrecht als „lebendiges Material“ auf dem Bildträger liegt, ohne eingebrannt zu sein, greift der Begriff „Enkaustik“ bei ihr zu kurz.

Es ist vielmehr ein Malen aus dem Wachs heraus.

 

Hermann Mildenberger