Vor mir liegt das Buch „Walden oder Leben in den Wäldern“ von Henry David Thoreau, eine Ausgabe aus dem Jahr 1979 vom Diogenes Verlag. Seit ich es damals las, bewahre ich es auf, so wie manche Menschen Wertgegenstände aufbewahren. Thoreau hatte es 1854 geschrieben. Die beginnende Industrialisierung, die sich von England aus auf die ganze Welt ausdehnte, hatte das Leben der Menschen gravierend verändert. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie tiefgreifend dieser Wandel von den Menschen angesichts des Maschinenlärms, der Emissionen und der Forderung nach Produktivität empfunden wurde. Die Umgestaltung von der Agrar- zur Industriegesellschaft war schmerzhaft für alle, die unter der wachsenden sozialen Ungleichheit und unter lebensfeindlichen Arbeitsbedingungen litten. Und natürlich auch für Naturliebende.

Thoreau zog Konsequenzen. Er ging mit seinen reformerischen Ideen in die Wälder Amerikas und lebte zwei Jahre in einer Blockhütte in Massachusetts in einem Gebiet, das Walden heißt. Es ging ihm um Selbstversorgung und darum, sich vom Ballast der Dinge, die man eigentlich nicht zum Leben braucht, zu lösen. Das Buch ist auch heute noch aktuell, vielleicht aktueller denn je. Wieder stehen wir inmitten ganz großer Umwälzungen – denken wir nur an Digitalisierung, Globalisierung, Warenschwemme und Klimawandel.

Als ich eine junge Frau war, sprach Thoreau meine tiefe Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Sinnhaftigkeit an, und so ist es bis heute geblieben. Sein Buch kam mir vor etwa zehn Jahren wieder in den Blick, gerade als ich mich meinem zweiten großen Themenschwerpunkt, dem Wald, zuwandte. Es wurde namensgebend dafür. Ich hatte in Thoreaus „Walden“ damals Stellen angestrichen, die von Schönheit und moralischem Tun handeln. Also Fragen, die mich schon lange beschäftigen und auf die ich auch einige eigene Antworten gefunden habe. Schön finde ich die Doppelbedeutung: dass „Walden“ in der Lektüre eine respektvolle Haltung gegenüber der Natur thematisiert und dass das Wort „Wald“ darinsteckt. Thoreau auf jeden Fall hatte einen Seismografen in sich und benannte das, was immer drängender wird.

Ich wollte Euch den Hintergrund des Titels meiner Werkreihe „Walden“ erklären. Und jetzt finde ich mich in einer Kette von Gedankengängen zu Problemen unserer Zeit. Sie sind hinreichend bekannt. Ich zitiere daher lieber einen Satz aus Thoreaus Werk:

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näherzutreten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hatte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte.“

In den Wald zog ich nie, aber den Versuch, dem wirklichen Leben näherzutreten, gab ich nie auf. Und das wirkliche Leben trat auch mir näher, nicht zuletzt, als ich Mutter wurde. Ich bin in meinen inneren Wald gegangen, um zu sehen, wie er aussieht. Seit etwa zehn Jahren male ich ihn oder Teile von ihm und empfinde es als ein Geschenk des Lebens.

Und gerade eben fällt mir ein, dass ich angekündigt hatte, Euch das zweite auf Friedas Leintüchern gemalte Bild zu zeigen. Voilà!