Eine lange Pause liegt zwischen heute und meinem letzten Eintrag.

Wieder gab es erschreckende und beschämende Ereignisse in der Welt, die ich mir gerne von der Seele schreiben würde. Aber mein Blog soll frei gehalten werden von all den vielfältigen und komplexen Problemen unserer Zeit. Ich möchte mich hier darauf beschränken, etwas davon aufzuschreiben, worüber ich, jenseits des Weltgeschehens, sonst noch so nachdenke.

Bei meiner Beschäftigung mit der Romantik und dem deutschen Idealismus bin ich auf atemberaubende Gedanken von Hegel gestoßen. Seht es mir nach, dass ich hier keine Quellenangaben usw. mache. Mein Text hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. Er bildet nur das ab, was ich lesend erfahren habe, zusammenfassend wiedergebe und weiter assoziiere.

Hegel hat zeitlebens versucht, die Dreifaltigkeit im christlichen Glauben zu verstehen. In seiner Phänomenologie des Geistes überträgt er den Begriff der Dreifaltigkeit auf die Natur, nämlich auf Samen, Blüte und Frucht. Es sei nicht die Blüte oder die Frucht die Pflanze, sondern der Prozess der Veränderung sei die eigentliche, die wahre Pflanze, sagt er.

So ist nach Hegel die gesamte Wirklichkeit beschaffen. Alles verändert sich und in den Entwicklungsschritten ist das Vorhergehende immer im Nächsten aufbewahrt. Es gibt keinen Widerspruch – Gegensätze und Widerspruch sind keine Symptome falschen Denkens, sondern Momente der Wahrheit. Die Natur brauche Gegensätze für ihre Entwicklung, also müsse es sich mit dem Denken genauso verhalten. In Hegels Denken wird nie etwas festgestellt, alles ist ständig im Fluss, von der These zur Antithese zur Synthese.

Das beeindruckt mich außerordentlich. Es bestätigt meine Bedenken gegenüber der Tendenz, Beweglichkeit mit Beliebigkeit zu verwechseln.

Und jetzt kommt der eigentliche Coup. Hegel leitet von seinem dialektischen Denkmodell Folgendes ab: Angesichts der Parallelen zwischen der Natur und unserer Erkenntnis kann es sich nicht um zwei verschiedene Dinge handeln, sondern die Natur muss selbst schon vernünftig strukturiert sein. Natur und Denken sind im Grunde ein und dasselbe. Die Erkenntnis erwächst aus dem Gegenstand selbst, wird nicht von außen an den Gegenstand herangetragen, also muss die Natur selbst vernünftig sein. Und damit die Welt Geist. Dieser absolute Geist erschafft die Materie – das Wort wird Fleisch … Er ist pure Logik und bedient sich der Menschen, die zwar meinen, einen freien Willen zu haben, aber letztlich im Interesse des absoluten Geistes handeln.

Dieses Denkmodell wirft natürlich die Frage auf, ob die vielfältigen schlimmen Dinge, die passieren, tatsächlich im Interesse des Weltgeistes liegen können. Dazu sagt Hegel, dass es um das Ganze gehe. Die Dinge selbst könnten unvernünftig oder gar böse erscheinen, aber bezogen auf das Ganze, das wir nicht überblicken, seien sie wahr.

Ich spinne diesen Gedanken Hegels weiter und mache einen Schwenk zur Hirnforschung. Der Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes hat in Versuchen zum freien Willen nachgewiesen, dass bestimmte Hirnareale bereits sieben Sekunden bevor eine Person glaubte, eine bestimmte Entscheidung getroffen zu haben, aktiv waren.

Vielleicht hätte Hegel aufgehorcht angesichts dieser Forschungsergebnisse. Vielleicht hätte er diese Tatsache als Nachweis für sein Denkmodell vom absoluten Geist betrachtet, der die Entscheidung im Gehirn vorbereitet, Sekunden bevor sie einer Person ins Bewusstsein vordringt? Mir auf jeden Fall hat sich diese Assoziation regelrecht aufgedrängt.

Im Atelier denke ich nicht nach, wenn ich arbeite. Ich lasse einfach die Impulse kommen. Bisher meinte ich, sie kämen von meiner Intuition, aber wer weiß, ob sie nicht mit dem Weltgeist zusammenarbeitet. J

In diesem Sinne – immer schön beweglich bleiben